Schuljahr 2003 / 2004

West Side Story
ein Musical für Gehörlose und Hörende

Die Idee entstand schon vor vielen Jahren, das Musical West Side Story übertragen auf die Situation von gehörlosen und hörenden Menschen. In diesem Schuljahr konnte es durch ein großes Engagement von Seiten der acht betreuenden Lehrkräfte und der 25 Schülerinnen und Schüler aus drei verschiedenen Klassen verwirklicht werden.

Grundlage war das wunderbare Musical mit seiner tragischen Handlung, die in jede Zeit passt, mit seiner wundervollen Musik und seinen traumhaften Tänzen. Es zeigt den Konflikt zwischen Menschen in Gruppen, den Jets und den Sharks, die sich eigentlich verstehen könnten, aber sich in den Gruppen immer mehr von den anderen abgrenzen und sich so keine Chance geben, die anderen kennen zu lernen, Freundschaften entstehen zu lassen. Die Liebe schafft es, diese Grenzen zu durchbrechen, Tony und Maria begegnen sich und vergessen alle Feindschaft um sich herum, denken in ihrer naiven Emotionalität, dass sie die Welt um sie herum zu ändern vermögen und scheitern. Dennoch bleibt ein Hoffnungsschimmer am Ende des Stücks, die befeindeten Gruppen gehen aufeinander zu.
Gruppen bilden sich immer wieder, wenn gleiche Interessen, gleiche Kulturen und Sprachen ein gemeinsames, sich abgrenzendes Band schnüren, so auch in unserer Fassung. Die Gruppe der Gehörlosen, die DEAFS, Benutzer der Deutschen Gebärdensprache und Schülerinnen und Schüler der Gehörlosenschule konkurrieren mit den hörenden Schülern, den TALKING HEADS um den nahe liegenden Basketballplatz, wollen um ihn kämpfen, zeigen, wer in dieser Gegend das Sagen hat. In dieser feindlichen Atmosphäre verlieben sich die gehörlose Maria und der hörende Tony und auch für sie wird alles tragisch enden.
Mit den beiden Gruppen treffen auch zwei Sprachgemeinschaften aufeinander, es treten Kommunikationsbarrieren auf. Die Mitglieder der einzelnen Gruppen können kaum miteinander kommunizieren, sie benötigen Dolmetscher als Sprachbrücken, die beide Sprachen beherrschen, um sich zu verständigen oder sie missverstehen sich. Tony lässt sich auf die visuelle Sprache von Maria ein, erlernt sie immer schneller, zunächst das Fingeralphabet, dann einzelne Gebärden und schließlich richtige Poesie, er überwindet die kommunikativen Grenzen zwischen den Gehörlosen und den Hörenden. Maria ist geduldig mit ihm, lässt sich auf ihn ein und die beiden finden einen Weg, sich zu verstehen, sich zu lieben. Ihre Gebärden und Stimmen können eins werden, nur der Tod konnte sie trennen.
Die Schülerinnen und Schüler waren von dieser Geschichte zu begeistern. Sie bietet Platz für diejenigen Jugendlichen, die sich vorrangig mit Hilfe von Lautsprache verständigen, indem sie z.B. zu einem Talking Head wurden, aber auch für gehörlose Schülerinnen und Schüler, die sich in Deutscher Gebärdensprache auf der Bühne präsentieren wollten. Schnell ordneten sich die 25 Schülerinnen und Schüler den Gruppen zu, schnell begeisterten sie sich für eine Rolle. Bei den Hauptrollen gab es zum Teil großen Andrang, so dass ein Casting über die besten Bewerberinnen und Bewerber entscheiden musste. Dann war die Entscheidung gefallen und es hieß üben, üben, üben. Jeden Montag fanden an zwei Stunden Proben statt, die schließlich auf den Nachmittag ausgedehnt, durch Wochenenden ergänzt und durch eine abschließende komplette Übungswoche vor der Aufführung abgerundet werden mussten. Texte lernen, Mimik, Gestik gekonnt einsetzen, sich im Bühnenraum zurecht finden, Gedichte und Tänze üben, auch wenn man die Musik nicht gut hören kann, laut, betont und deutlich sprechen, gebärden, in die Rolle hineinwachsen, seine Rolle wirklich spielen, alle haben sich darauf eingelassen und unser Musical zu einem Meisterwerk werden lassen. Immer wieder gab es Rückschläge, wir kamen zu langsam voran, der Mut ging uns verloren, wir fühlten uns überfordert und dennoch; wir haben es geschafft. Das war sehr harte Arbeit und war nur zu leisten, weil wir uns gegenseitig immer wieder Mut machten, weil wir uns stützten und an uns glaubten.
Wir besuchten das Theater in Wiesbaden und schauten uns die Welt hinter der Bühne an, ließen uns professionelle Tipps geben, schauten uns die West Side Story in der original Broadway Verfassung in der Frankfurter Alten Oper an…
Ein gutes Drehbuch und engagierte, talentierte Schauspielerinnen und Schauspieler sind das eine, aber was ist ein Musical ohne eine passende Bühne, ohne ein gelungenes Bühnenbild, ohne Lichteffekte, ohne richtigen Ton, ohne Musik, ohne das passende Styling der Schauspielerinnen und Schauspieler, ohne die zielgerichtete Werbung? Wie kann man das Musical hörenden und gehörlosen Zuschauerinnen und Zuschauern gleichermaßen näher bringen?
Dies alles waren Fragen, die geklärt werden mussten und nur durch ein Team beantwortet und gelöst werden konnten.
Viele Kunststunden - wieder Wochenenden und Ferientage - rauchten die Köpfe, wurden Modelle entwickelt, Varianten ausdiskutiert, ein Gewinnermodell bestimmt, Materialien gekauft, gebaut, geschreinert, geschneidert, gemalt.
Schnell stellte sich heraus, dass unsere Schule nicht über eine genügend große Bühne verfügte, ein Glück wurde uns das Kurhaus in Bad Camberg mit seiner Bühne für unsere Aufführung, aber auch für unsere wöchentlichen Proben zur Verfügung gestellt und eine gute Kooperation mit der Verwaltung und dem Hausmeister stellte sich ein.
Viele Menschen innerhalb und außerhalb unserer Schule unterstützten uns, die nicht direkt zum engeren West Side Story Team zählten.
Computerversierte Schülerinnen und Schüler erstellten Obertitel des gesamten gebärdeten und gesprochenen Textes mit Hilfe von Power Point, halfen bei der Beamertechnik.
Eine weitere Schülergruppe legte Kostüme fest, kümmerte sich um die Requisiten.
Werbeplakate, Flyer, die Internetpräsenz, Booklets wurden gestaltet, mussten verteilt werden, Karten gedruckt und verkauft werden.  Viele Details mussten geregelt, geklärt werden, damit es eine gelungene Darbietung werden konnte.
Und dann der Tag der Aufführung - noch in der Woche zuvor saßen die Texte nicht 100%-ig, mussten noch Details ausgearbeitet werden - jetzt war es soweit. Die Schülerinnen und Schüler, viele zum ersten Mal auf einer Bühne, alle noch nie vor einem solch großen Publikum (ca. 400 Menschen) wurden nervöser und nervöser, wir als Begleiter auch. Aber jetzt war das Blatt nicht mehr zu wenden. Es war 19.30 Uhr, Freitag, der 2. Juli 2004 alle Zuschauerinnen und Zuschauer saßen gespannt auf ihren Plätzen, Stille. Maria und Tony treten vor den Vorhang, tragen Rilkes Gedicht „Die Stille“ vor – in Deutsch, in Deutscher Gebärdensprache. Dann geht der Vorhang auf. Alle spielen unendlich gut, Tänze begeistern, das Publikum lacht und weint, ist ergriffen von der Gebärdenpoesie…
Als am Ende der Vorhang fällt, ist die Begeisterung zu spüren, man hört ein Klatschen, ein Winken der Hände. Gehörlose und Hörende ein gemeinsames begeistertes Publikum.
Die Botschaft des Stücks, Toleranz, Verständnis für den anderen, aufeinander zu zugehen, wurde verstanden und mit dem Herzen gefühlt.
Die West Side Story in unserer Fassung konnte leider bislang nur zweimal gezeigt werden, viele Schülerinnen und Schüler haben mittlerweile unsere Schule verlassen. Geblieben ist eine wunderbare Erinnerung, tiefe Freundschaften, enge Verbundenheiten und die Hoffnung, vielleicht in nächster Zukunft mit unserem Musical noch einmal die Herzen der Menschen erreichen zu können.

Anja Gilles – Projektleiterin
stellvertretend für alle im Team der Bad Camberger West Side Strory
Ellen Freppon * Willi Hartung * Barbara Land * Marc-Henner Schmidt * Christine Seifried * Jan Roost * Katja Wolters
Daniela Abels * Alexandra Adelt * Jutta Basfalut * Jaqueline Becker * Johanna Beeck * Sarah Beilborn * Nurcan Bicer * Tobias Buhrke * Margherita Christiano * Daniela Damm * Homan Dehbashi *Cynthia Düll * Kokeb Fesese * Jana Hampel * Willi Heinatz * Beyazit Kacmaz * Stephanie Kuhl * Christopher Nau * Thang Nguyeng * Frank Pabst * Julian Schäfer * Annika Schmolling * Türkan Terzi * Nicky Wieczorek * Melek Yayla

Somewhere

Wir gehen ganz weit fort
und lassen alles hinter uns!
Irgendwo gibt es einen Ort,
wo wir frei sind,
wo wir hingehören –
wo wir uns lieben können!

Einen Ort,
an dem sich Gehörlose und Hörende gut verstehen.
Ohne Gewalt zwischen Hörenden und Gehörlosen.
Gib mir deine Hand!
Zu diesem Ort wollen wir gehen.
Irgendwo – Irgendwann!

[frei nach S. Sondheim]

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